75dm.com / Creative Writing / Kurzgeschichten / Taschentuch (6/9)

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"Nach allem, was sie mir erzählt haben, ist es ganz klar, daß sich einem die Frage stellt, wie Gott das zulassen konnte. Aber ich glaube nicht, daß es was bringt ihm Vorwürfe zu machen, und ihm den Schwarzen Peter unterschieben zu wollen, denn letztendlich ist der Vater verantwortlich für das, was er seiner Tochter angetan hat. Ich meine Sie haben ja auch selbst gesagt, daß es von Ihnen nicht richtig war, daß Sie vorhin die Krankenschwestern angeschrien haben. Und Sie haben für Ihr eigenes Handeln selber die Verantwortung übernommen und geben dafür ja auch nicht Gott die Schuld. Klar hat Gott es zugelassen, und er hat es auch zugelassen, daß ihre Freundin von ihrem Vater mißhandelt wurden ist, aber er ist ja nicht der einzige, der es zugelassen hat. Die Großeltern und die Tante, die Nachbarn, Kindergärtnerinnen, Lehrer und Ärtzte haben es auch alle zugelassen. Und ich glaube nicht, daß keiner bemerkt hatte, daß sie Hilfe brauchte."
"Nee! Das kann ich mir auch nicht vorstellen." bestätigte ich ihn.
"Es ist doch wohl eher so, daß viele einfach weggeschaut und die Verantwortung von sich gewiesen haben, weil sie es nicht für wahr haben wollten. Ich weiß, daß es jetzt seht hart klingt, was ich sage, doch Sie erzählten vorhin, daß Ihre Freundin sich nicht gegen ihrem Vater gewehrt hat, und somit hat sie es letztendlich selber zugelassen."
Das klang wirklich hart; doch ich mußte ihm Recht geben.
"Für mich als unbeteiligten ist es natürlich leicht so etwas zu sagen, aber das ändert ja nichts daran, daß sie niemanden um Hilfe gebeten hat, und daß sie bei ihrem Vater geblieben ist, anstatt wie im Heim wegzulaufen. Letzendlich kann man nur jemanden helfen, der auch für Hilfe offen ist und sie sucht bzw. in Anspruch nimmt."

Mir gefiehl nicht mehr, was der nette Mann mir erzählte, doch was er sagte, sagte er nicht verurteilend oder belehrend, sondern nachdenklich. Er dachte gemeinsam mit mir über meine Freundin nach. Er nahm mich mit in seine Gedanken hinein und begegnete mir und meinen Gedanken dabei offen, ehrlich und interessiert.

"Aber warum hat Gott sie nicht schon vor dem Unfall ihres Vaters aus ihren schrecklichen Verhältnissen geholt?" fragte ich ihn.
"Na ja, das Heraushloen ist ja die eine Sache, aber die Frage ist doch, wohin hätte Gott sie hinbringen sollen, wenn aus ihrem Umfeld niemand anders als ihr Vater bereit war die Veratwortung für sie zu übernehmen? Auch als er den Unfall des Vaters zuließ hat er sie ja nicht vom Vater weggenommen, sondern er hat den Vater von ihr entfernt. Gott hatte in ihm ja nicht nur das alkoholabhängige, prügelnde Arschloch gesehen, sondern das Baby, das sich, wie auch immer, zum kranken, alkoholabhängigen Arschloch machen ließ. Es gab für ihn ja irgendwelche Ursachen oder Gründe dafür, daß er das tat, was er tat. Daß seine Eltern und seine Schwester nicht bereit waren nach seinem Tod sich um seine Tochter zu kümmern läßt doch so einiges auf das Familienverhältnis schließen, in dem er aufwuchs. Und wer weiß wie seine Beziehung zu der Mutter Ihrer Freundin war. Vielleicht kannte er sie Kaum. Vielleicht hatte er ja nur einmal mit ihr geschlafen und sie hat dann 9 Monate später einfach das Neugeborene bei ihm abgeliefert. Oder vielleicht hatte er aber auch eine ganz innige Beziehung zu seiner Frau. Vielleicht war seine Frau sein einziger Halt in seinem Leben und sie ist dann bei der Geburt gestorben, woran er dann wiederum zerbrochen ist und zum Alkoholiker wurde. Vielleicht sah er ja einerseits in seiner Tochter die Mörderin seiner Frau und auf der anderen Seite sah er seine Frau in seiner Tochter weiterleben. Wir Menschen finden immer selber, daß wir selbst für die größte Scheiße, die wir machen, einen guten Grund haben. Aber egal wie nachvollziehbar unsere Gründe auch sein mögen, sie rechtfertigen in keinster Weise unser beschissenes Verhalten. Doch ich denke halt, daß auch der Vater Ihrer Freundin Hilfe benötigte und keine bekommen oder angenommen hat. Als er für Hilfe überhaupt nicht mehr offen war, und es keine Hoffnung für ihn mehr gab, hat Gott dann endlich einen Schlußstrich gezogen."
"Ja aber hätte Gott sie nicht vorher in ein Kinderheim unterbringen können?" fragte ich.
"Hätte ihr das denn irgendwie geholfen?" fragte er zurück und fing damit an mir irgendwie auf die Nerven zu gehen. Doch ob ich wollte oder nicht, ich mußte gestehen, daß die Frage ihre Berechtigung hatte, denn als sie ins Heim kam ließ sie sich nicht helfen, sondern hielt an ihr krankes und verdrehtes Welt- und Selbstbild fest.

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